OpenData: bisschen Prototyp, und das war’s dann?

Mit offenen Daten die Welt verbessern: das klingt so cool. Und das ist es auch – wenn da nicht das Problem wäre, dass OpenData-Projekte immer im Prototypen-Status hängenbleiben. Ein langfristiger Betrieb einer von vielen als sinn- und wertvoll empfundenen Plattform ist dagegen nicht möglich, OpenData ist nicht nachhaltig.

Diese These habe ich schon vor über fünf Jahren aufgestellt. Angesichts sterbender gemeinwohlorientierter Datenplattformen lohnt ein zweiter, aktualisierter und tieferer Blick: über die fehlende Nachhaltigkeit von OpenData, über die Grenzen des Ehrenamtes, über die Förderlandschaft in Deutschland, über Kompetenzen und Budgets von Kommunen und den ihnen zuliefernden Unternehmen – und letztlich über ein paar Entscheidungen, die getroffen werden müssen, um weiterzumachen.

Bestandsaufnahme: beliebt und kaputt

In den letzten Jahren gab es so einige OpenData-basierten Plattformen, welche einfach durch ihren praktischen Nutzen überzeugten und so viele, viele Besucher anzogen. Eine kleine Auswahl:

  • kleineanfragen.de hat kleine und große Anfragen der Bundesländer und des Bundestages durchsuchbar gemacht und ist so zu einem beliebten Recherche-Tool für Landes- und Bundespolitik geworden.
  • offenerhaushalt.de und seine englischsprachige Mutter openbudgets.eu visualisiert Haushalte von Bund, Land und Kommunen und ist so eine der ersten Anlaufpunkte, wenn man Haushalte nachvollziehen möchte.
  • wo-ist-markt.de ist eine deutschlandweite Sammlung von Markttagen, um regional frisch einkaufen zu können.
  • offenedaten.de ist eine klassische OpenData-Bereitstellungs-Plattform.
  • politik-bei-uns.de sammelt über die offene Schnittstelle OParl Vorlagen und Beschlüsse aus den Kommunen und macht sie so für viele Menschen nutzbar.

All diese Projekte haben:

  • recht viele BesucherInnen, weil ihr Sinn intuitiv klar ist und NutzerInnen v.a. über Suchmaschinen ganz automatisch darauf stoßen.
  • ein gemeinwohlorientiertes Ziel, welches vielen Menschen hilft und welches von vielen als wertvoll anerkannt wird.
  • eine offene Datengrundlage, und die veredelten Daten werden ebenfalls offen weitergegeben.
  • kein direktes Geschäftsmodell / keine Monetarisierung, und oft wäre dies sogar schädlich für Neutralität der Plattform.
  • ein ernsthaftes Problem im laufenden Betrieb, weil an die Plattformen professionelle Ansprüche gestellt werden, ohne dass die Arbeit bezahlt werden kann.

Professionelle Ansprüche + Ehrenamt = Enttäuschung für alle

Der letzte Punkt ist ein ernsthaftes Problem und führt zu Enttäuschungen auf allen Seiten:

  • kleineanfragen.de macht Ende des Jahres ganz dicht.
  • die Daten auf offenerhaushalt.de sind vielfach unvollständig und veraltet.
  • openbudgets.eu wird nicht relevant Weiterentwickelt, das Backend verbleibt in einem Beta-Status.
  • wo-ist-markt.de war zwischenzeitlich ganz offline.
  • offenedaten.de ist in Abwicklung begriffen, und es fehlt eigentlich nur noch der Beschluss, nu endlich den Stecker zu ziehen.
  • Ich muss mich für mein ehrenamtliches Baby politik-bei-uns.de immer wieder beschimpfen lassen, warum ich nicht zeitnah reagiere, warum es Fehler auf der Seite gibt und warum aktuell keine neuen Städte dazukommen.

Kurzum: Es gibt ein ernsthaftes Problem mit der Verstetigung von wünschenswerten und vielgenutzten Projekten. Viele dieser Projekte, auch meines, sind Opfer ihres eigenen Erfolges. Denn mit dem Erfolg kamen die Ansprüche, Ansprüche an Reaktionszeiten, an Fehlerbeseitigung, an Features. Ansprüche, die viel, viel Zeit kosten. Zeit, die maßgeblich von der sehr begrenzten Ressource „SoftwareentwicklerIn“ investiert werden muss.

Wenn professionelle Ansprüche auf ehrenamtlichen Betrieb stoßen, dann gibt es zwangsweise Enttäuschungen auf allen Seiten, da keine Seite die Erwartung der jeweils anderen erfüllen kann.

Aktuelle Förderungen widersprechen nachhaltigem Betrieb

Förderungen klingen erst einmal wie die ideale Lösung: man bewirbt sich um Geld vom Staat, der Staat kontrolliert, ob die Ausgabe sinnvoll eingesetzt werden, und alles ist super. Gute Idee, scheitert nur an drei zentralen Problemen:

Förderungen wollen immer etwas Neues fördern, nie den laufen Betrieb. Aber genau der laufende Betrieb ist bei allen genannten Plattformen das Problem. Wenn man versucht, dann über Neuerungen den laufenden Betrieb zu finanzieren, landet man in einem Teufelskreis: mehr Features bedeuten mehr Dinge, die kaputtgehen können, und das bedeutet mehr Zeit, die man für die Betreuung braucht – und so die langfristige Betreuung noch schlechter möglich macht.

Förderungen sind Produkt-Entwicklungs-Förderungen: wenn ich als Unternehmen eine Förderung beantrage, dann habe ich einen relevanten Eigenanteil. Das heißt, ich investiere jetzt den Eigenanteil = Geld, um später (mehr) Geld damit zu verdienen. Wenn das Projekt aber kein Geschäftsmodell hat, ist das investierte Geld schlicht ein Verlust. Das ist unternehmerisch wahnwitzig, ganz besonders dann, wenn das ein Dauerzustand = dauerhafte Betreuung ist. Kurzum: Förderungen sind ganz grundlegend nicht auf gemeinwohlorientierte Projekte ohne Geschäftsmodell ausgelegt.

Förderungen haben einen riesigen Overhead: die allermeisten Förderungen erfordern eine Menge unschönen Papierkrieg. Es gibt zwar einige Ausnahmen wie den Prototype-Fund und auch den mFund, die versuchen, dagegen anzugehen. Aber am Ende hat man doch den Aufwand und das rechtliche Risiko. Was übrigens auch der Grund ist, warum Förderungen eher von größeren Unternehmen beantragt werden: da gibt es Kräfte, die viel trainierter in der Abarbeitung der Bürokratie sind als es Kleinunternehmen je sein können – bei Kleinunternehmen macht das der Geschäftsführer halt zwangsweise nebenbei.

Summa summarum: Förderungen sind zum aktuellen Zeitpunkt ganz strukturell nicht dafür geeignet, eine dauerhafte professionelle Betreuung sicherzustellen.

Aber auch mal so ganz grundsätzlich: eine Förderlandschaft, wo geförderte Projekte mit hoher Zuverlässigkeit mit dem letzten Tag der Förderung eingestellt werden, egal wie sinnvoll sie waren, wo Ergebnisse und Daten zuverlässig geheimgehalten werden, und die Gesellschaft dann nichts mehr davon hat – ist das nicht eh Anlass dafür, mal ganz grundlegend darüber nachzudenken, wie Förderung besser und vor allem nachhaltiger geht?

Warum Behörden das nicht selbst machen (können)

All die oben genanten Projekte sind Dienste für die Allgemeinheit, wo es eigentlich gar keinen Grund gibt, warum diese privat dauerhaft betreut werden müssen. Und das könnte für beide Seiten eine großartige Lösung: EntwicklerInnen könnten sich austoben und wüssten, dass Ideen auch wahrgenommen und weitergeführt werden. Behörden wiederum würden aus einem Pool guter, durchdachter und ausprobierter Prototypen schöpfen können.

Gerade Behörden sind strukturell Verstetigungsmaschinen, was bei der Entwicklung von Neuerungen oft Schwierigkeiten bereitet und Innovation in Behörden teuer und langwierig macht – aber Dinge auf Dauer machen, das können Behörden ziemlich gut. Bei der Übernahme der Ideen hakt es aber oft: beispielsweise versucht das Fellowship-Programm Tech4Germany, neue digitale Ideen in Behörden hineinzubekommen. Meines Wissens fehlt aber auch dort der entscheidende Schritt: die Verstetigung der Prototypen. Dabei ist das der wichtige Schritt von allen.

Auch kleineanfragen.de wäre super in einer Behörde aufgehoben: der vom Land NRW betreute Parlamentsspiegel hat genau den Job, den kleineanfragen.de so viel besser erfüllt. Und da kleineanfragen.de free and open source ist, könnte man die Software ganz einfach übernehmen. Aber es passiert nichts daraus.

Das Kernproblem bei Behörden ist aber, dass die notwendigen Kompetenzen für den Betrieb moderner IT-Projekte selten in Behörden zu finden sind. Kleine Kommunen haben oft gar keine IT-Spezialisten, und selbst bei Großen sind die wenigen ITler so sehr in bestehende Projekte eingebunden, dass sie keine neuen Aufgaben übernehmen können. Und das ist ein ganz grundlegendes Problem: man ist so komplett von seinen privatwirtschaftlichen Dienstleistern abhängig. Das geht so weit, dass man nicht einmal kontrollieren kann, was der privatwirtschaftliche Dienstleister da abliefert. Das kann man ziemlich gut ausnutzen – und das wird auch ausgenutzt.

Übrigens: eine der effektivsten Wege, wirklich schlechten Code auszusortieren, ist Open Source Software als Grundbedingung in Ausschreibungen. Und da vielleicht auch nicht unbedingt gleich mit Windows und Office anfangen und daraus eine riesige Migration machen, sondern bei all die Fachanwendungen, die eh immer wieder neu ausgeschrieben werden. Genau die Fachanwendungen, die auch bei jedem Windows Update Probleme machen, und die Cloud-Software, von der man als Kommune komplett abhängig ist. Ich hab jetzt über mehrere Monate die Ausschreibungen neuer IT-Projekte im Postfach, OpenSource war da in den allerseltensten Fällen Bedingung. Warum eigentlich?

Warum das Einkommenslevel von Entwicklern alles noch schwieriger macht

Die Betreuung von Software ist ein teures unterfangen, denn das Einkommenslevel von Entwicklern ist ziemlich hoch. Um mal ein paar Zahlen zu nennen: ein guter Entwickler kann völlig problemlos monatlich 5000 € brutto und aufwärts verlangen. Wohlgemerkt: Entwickler. Spezialisten oder Führungskräfte sind oft noch teurer.

Darauf sind Behörden ganz grundlegend nicht vorbereitet, im Gegenteil: einen IT-Sicherheitsleiter(!) des Kammergerichtes zu suchen und diesem TVÖD E11, also je nach Erfahrungsstufe ca. 3500 – 5250 € brutto zahlen zu wollen, ist schon sehr am Markt vorbei.

Mir ist übrigens absolut bewusst, was für ein Luxus es ist, mit einem so risikoarmen und komfortablen Job so viel Geld zu verdienen. Aber so ist halt der Markt: ein Mangel an Entwicklern führt zu höheren Preisen für Entwicklern. Und wenn man da nicht mitzieht, kriegt man halt nix. Marktwirtschaft in Reinstform (nur profitieren dieses mal die Nerds 😉 ).

Das gilt auch für mich als neu gegründetes Unternehmen: Entwickler sind auch für mich in meiner Rolle als Unternehmer teuer. Um mal Zahlen zu nennen: Mittelgroße Unternehmen rechnen mittlerweile mit 150.000 € Umsatz im Jahr, die ein Entwickler reinholen muss, um sich selbst zu finanzieren (Lohn, Büro, Technik, Verwaltung, …). Unternehmen mit mehr Overhead kommen auf über 200.000 € im Jahr.

Gerade als kleines Unternehmen ist das natürlich ein ausgesprochener Happen Geld. Wenn ich in meiner Rolle als Unternehmer als Dienstleister für offene Datenprojekte etwas anbieten möchte, dann muss ich relativ unangenehme Rechnungen schreiben, um mich selbst zu erhalten. Oder mich halt gleich Industrie-näheren Aufträgen widmen, das ist einfacher.

Das Geld ist da. Nur woanders.

Interessant wird es dann, wenn man sich anschaut, für welche IT-Projekte auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene Geld da ist:

Für geschlossene SmartCity-Projekte ist zum Beispiel umfangreich Geld vorhanden. Diese werden zwar regelmäßig nach Ende der Förderung eingestellt, und Erkenntnisse, Code und Daten verbleiben dann meist in privater Hand, weil die Umsetzung privat erfolgte. Aber schönere Zeitungsartikel geben Smart-City-Projekte allemal.

Für geschlossene Plattformen und Fachanwendungen ist auch umfangreich Geld vorhanden: Software wie PC-Wahl wird einfach hingenommen, anstatt gemeinsam sichere und hochwertige OpenSource-Alternativen zu fördern (was übrigens nicht heißt, dass OpenSource nichts kostet, aber es ist überhaupt eine ernstzunehmende Qualitätskontrolle möglich, und bei Einstellung des Projektes kann man den Code weiterverwenden).

Für Leuchttürme ist auch ganz schön viel Geld da. Das erzeugt zwar am Ende immer nur Prototypen, die dann am Ende der Förderung eingestellt werden. Leuchttürme widersprechen vor allem einer Verstetigung in der Masse: in einem Leuchtturm wird ausprobiert, nicht verstetigt. Und das ist auch wichtig, aber eben nur ein kleiner Schritt, damit alle etwas davon haben.

Interessanterweise werden auch für IT-Berater Tagessätze von 1500 – 1800 € relativ zuverlässig durchgewunken, das sei ja marktüblich. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass dann im Anschluss Druck auf Entwickler ausgeübt wird, dass man ja jetzt kein Geld mehr für die Umsetzung habe und daher die Entwicklung nicht so teuer werden darf.

Man könnte noch gut weitere Aspekte von eher fragwürdiger Geldverwendung auflisten, zum Beispiel der Hype um künstliche Intelligenz eignet sich ganz hervorragend für solche Punkte. Aber eigentlich geht es um etwas anderes:

Es ist Zeit für Entscheidungen

Das klingt jetzt ein bisschen ungeduldig, aber: ich glaube, dass wir gesellschaftlich eine Entscheidung treffen müssen. Und die lautet:

Sind uns gemeinwohlorientierte, gut besuchte Plattformen wichtig genug, um sie dauerhaft zu finanzieren?

Wenn nein, dann ist das zwar schade, gerade angesichts dessen, was sonst so finanziert wird, aber eine valide Entscheidung. Die Konsequenzen dieser Entscheidung wären, dass Dinge (weiter) rein ehrenamtlich laufen, also Sachen dann passieren, wenn halt gerade mal Zeit ist.

Lies: ein nein ist total ok, aber dann plant bitte auch nicht mit uns Entwicklern, und schreibt keine wiederholten genervten Mails, dass irgendwas nicht geht. Wir machen nämlich vermutlich gerade einen anderen Prototypen, einfach weil’s geht und weil wir Spaß dran haben. Oder trinken ein Bier Met, weil wir gerade keine Lust drauf haben.

Wenn ja, dann gibt es eine Folgefeststellung:

Wir brauchen einen Weg, Projekte zu finanzieren, von denen viele Behörden etwas haben, aber keine Behörde alleine den Hut aufhaben will und kann.

Denn genau daran scheitern aktuell Open-Source-Projekte: „ich als Behörde kann das nicht alles alleine bezahlen“. Das ist meistens absolut korrekt, aber OpenSource-Software ist ja durch seine Offenheit bestens dafür geeignet, von vielen gleichzeitig finanziert und genutzt zu werden.

Solange OpenSource von Behörden aber eher als Hindernis verstanden wird, es einen Neid im Stil von „aber das kann dann ja auch wer nutzen, der es nicht zahlt, das geht ja nicht!“ gibt und solange gemeinsame Finanzierungsmodelle so schwierig aufzubauen sind, solange werden wird es ein Problem geben, gemeinwohlorientierte Plattformen zu finanzieren.

Eine Lösung kann nur kommunalübergreifend geschehen, so dass ich hier vor allem Länder wie hier in NRW z.B. OpenNRW und Kommunalverbände in der Pflicht sehen würde, Infrastruktur, Diskussionsrunden und Vorlagen zu schaffen. Ebenso sehe ich aber auch Kommunen in der Pflicht, dass sie sich an gemeinsamen Finanzierungen beteiligen.

Unternehmen können dort zu einer Lösung beitragen, indem sie die Plattform sind, in die viele Behörden einzahlen. Aber es gibt ein Missbrauchsrisiko. Daher:

Wir brauchen Fachpersonal in Behörden.

Aktuell gibt es ja eher die Gegenbewegung dazu: alles, was irgendwie mit IT zu tun hat, wird an externe Dienstleister übergeben. Das geht so weit, dass der gesamte öffentliche Raum mit all seinen enthaltenen Daten privatisiert wird. Das kann nicht Ziel einer demokratischen, bürgerInnen-orientierten Kommune sein. Aber das macht auch schon bei Ausschreibungen und Qualitätskontrolle Probleme: wenn Du nicht kontrollieren kannst, was dein Dienstleister Dir zuliefert, hast Du ein Problem. Ohne genug IT-Personal in Behörden geht es also nicht.

Mehr (Selbst-)Ehrlichkeit, bitte

Wir kommen zudem nicht darum, einige Feststellungen zu treffen:

  • Community kann sehr gut Prototypen bauen, aber dauerhaften Betrieb können wir nicht. Wir sollten aufhören, das zu versprechen.
  • Behörden können gut dauerhaft Dinge betreiben, scheitern aber zur Zeit daran, die gut laufenden Prototypen aus der Community einzusammeln und zu verstetigen. Das ist eine ziemliche Verschwendung.
  • Community-Arbeit bedeutet Geben und Nehmen. Das bedeutet insbesondere nicht, dass man im Gegenzug einen Anspruch auf fertige Anwendungen bekommt. Man bekommt gute Ideen, Ideen, die man als Behörde sonst kommerziell teuer bezahlen müsste.
  • Digitales Ehrenamt ist auch Ehrenamt und sollte ähnlich prominent aufgehängt und gefördert werden wie anderes Ehrenamt.
  • Unternehmen sind nicht die Lösung für alles, weil Unternehmen in einem Kapitalismus nun einmal vor allem Geld verdienen (müssen). Aber Unternehmen können eine Plattform sein, um Dinge gemeinsam zu machen – wenn Unternehmen kontrolliert und hinreichend bezahlt werden.

Und was ist mit „Politik bei uns“?

Mein persönlicher Bezug zu dem Thema ist „Politik bei uns“: ein OpenData-Projekt, was Kommunalpolitik transparent macht, was viel besucht und gelobt wird, was Preise bekommen hat – und was langsam vor sich hin stirbt. Denn bis heute läuft der Betrieb ehrenamtlich und maßgeblich durch mich.

Ich baue gerade aber mein kleines Unternehmen auf, und so fehlt mir schlicht die Zeit, um einen professionellen Betrieb ehrenamtlich zu gewährleisten. Lies: es bleibt sehr viel liegen. Dies widerspricht eklatant den Ansprüchen, die an das Portal gestellt werden.

Da wie oben beschrieben sowohl Förderungen als auch ein Betrieb durch eine Kommune unmöglich sind, wird mir nichts anderes übrig bleiben, als aus „Politik bei uns“ ein Produkt zu machen: stabiler Betrieb gegen Geld.

Die Vorbereitungen dazu treffe ich gerade: Ich lasse gerade politik-bei-uns.de auf Kosten meines Unternehmens renovieren, um überhaupt einen Betrieb gewährleisten zu können und so ein Produkt zu haben, dessen Betrieb ich guten Gewissens verkaufen kann.

Aber der entscheidende Schritt kommt im Anschluss: schaffen es mehr als eine Hand voll Kommunen, Kunden eines solchen Projektes zu werden und wie oben angesprochen die in die Plattform gesteckten Stunden gemeinsam zu finanzieren?

Oder stirbt „Politik bei uns“ einfach, weil sich keine Kunden für den professionellen Betrieb einer derartigen Transparenz-Plattform finden lassen?

Wie es auch kommen mag: in beiden Fällen wäre „Politik bei uns“ wohl Vorlage für viele andere Projekte – positiv wie negativ.

Randkommentare

  1. Bevor jetzt jemand in großes Behörden-Bashing in den Kommentaren einsteigt und die freie Wirtschaft lobpreist: große Unternehmen haben ganz, ganz ähnliche Probleme in Bezug auf Innovation, auf Zusammenarbeit, auf Entscheidungsstrukturen. Die diskutieren da nur nicht öffentlich drüber, und es sind auch keine öffentlichen Gelder, die die verbrennen.
  2. Ich habe als Unternehmer und als OpenData-Aktivist natürlich gleichzeitig zwei Rollen, die nicht immer zusammenpassen. Gleichzeitig bietet mir das aber auch die Chance, zwei Welten zusammenzubringen, die nicht immer viel miteinander zu tun haben. Die „reine Lehre“ in einer oder der anderen Richtung verbreite ich aber daher ganz sicher nicht.
  3. Und wenn es andere Ideen gibt, gerade der Weiterentwicklung von „Politik bei uns“: nur zu! Die Kommentarspalten sind offen.

4 Antworten zu “OpenData: bisschen Prototyp, und das war’s dann?”

  1. Moin
    ein paar Bemerkungen hätte ich (ich hoffe kurz 🙂
    Zum Geschäftsmodell: die britische Regierung hat das Geschäftsmodell / Business Case in PRINCE2 eingeführt. Dabei ist es egal, ob man eine Behörde, eine gemeinnützige Stiftung oder ein Commercial ist. Alle drei müssen ihre Operationen auch finanzieren. Es stimmt, dass wir für Open Data nach vielen Jahren immer noch kein tragfähiges Geschäftsmodell haben: Ehrenamtler ausbeuten konnte man nur gut früher bei der Bundeswehr mit Wehrpflicht. Heute ist das unseriös. Selbstständig kann man nicht davon leben (siehe Anke oder ich), aber auch Firmen haben Probleme: OpenDataSoft und Viderum haben Deutschland verlassen, weil hier tote Hose ist. Schöne Reisen nach Kanada der OGP reichen nicht, wenn gleichzeitig 13 von 16 Bundesministerien sich ohne Pönala weigern können, das Open Data Gesetz des Bundes auszuführen. Und selbst da, woe es umgesetzt wird, kennt jeder meine Gemaule über Kindergärten. Ohne Standards und Pflicht für 11.000 Kommunen steigt ImmobilienScout24 nicht in Open Data an, obwohl es da bei 400.000 Umzügen/jährlich von Familien mit mehr als einem Kind dringend notwendig wäre.
    Aber Ernestos Beschränkung auf den öffentlichen Dienst als Träger von Open Data Aktivitäten ist rational nicht nachvollziehbar. Ich hatte dazu auch schon gebloggt:
    Open Data: nachhaltige Wertschöpfung mit Startups
    http://wk-blog.wolfgang-ksoll.de/2017/06/06/open-data-nachhaltige-wertschoepfung-mit-startups/
    oder beim Bitkom einen Vortrag gehalten:
    http://wk-blog.wolfgang-ksoll.de/2018/06/07/tragfaehige-geschaeftsmodelle-mit-open-data/
    Mein Eindruck ist, dass die Community mit der Gestaltung nachhaltiger Geschäftsmodelle überfordert ist und zu langsam ist. Teils lieg es auch daran, dass andere Themen mit nutzloser reingemengt werden:
    – der öffentliche Dienst solle nicht outsourcen. Das halte ich für falsch. Es ist nicht Kerngeschäft des Staates und der Kommunen, IT zu betreiben oder gar zu programmieren. Der Staat baut auch nicht (weder Hoch, noch Tief- noch Bergbau), Das machen alles Private, auch schicke Rathäuser. Der Staat baut auch keine Autos, machen auch Private bis hin zu fahrbaren Waffen, wo es um existenzielle Sicherheit in der Landesverteidigung geht.
    – Open Source kann man wollen, muss der Staat aber auch nicht selbst programmieren: Mozilla, Thunderbird, CKAN, Apache, Docker, Kubernetes, und viele andere zeigen, dass Open Source hervorragend ohne den Staat geht, selbst wenn Github jetzt Microsoft gehört. Wenn ich an meine Kindergärten in der Nacht denke, werden ich ob der deutschen Open Data Performance um den Schlaf gebracht. Und wir sollen dann gut Open Source können? Ich habe mir gerade wieder auf mehreren Kanälen angehört, dass Open Data in Echtzeit im ÖPNV in Deutschland trotz kommender PSI-Richtlinien nicht geht, obwohl in UK das seit 7 Jahren verfügbar ist. Auch FhG, SNV, DStGB haben zu diesen Sabotagegesängen beigetragen, nicht aber KAS und Bertelsmann.
    – Beraterbashing wegen Preisen. Zum Vergleich: ein Beamter mit B11 im höheren Dienst war schon 2010 bei 1.150 € Vollkosten am Tag.
    https://olev.de/p/DE-BMF-Personalkostensaetze-2010.pdf
    Kurz: wir werden einige Argumente justieren müssen, um Begeisterung auszulösen. Schaffen wir das?

    • Mal einige direkte Antworten darauf:

      > Aber Ernestos Beschränkung auf den öffentlichen Dienst als Träger von Open Data Aktivitäten ist rational nicht nachvollziehbar.

      Die angesprochenen Projekte haben halt einfach kein Geschäftsmodell. Gerade das Thema, in dem mein Projekt, Politik bei uns, sich befindet, ist nirgendswo auf der Welt gewinnbringend. Die Niederlande macht im Bereich Ratsinfosysteme gerade ein ziemlich cooles öffentlich gefördertes Projekt. Aber ansonsten gabs international genau dasselbe Problem wie hier: bisschen Förderung, und mit dem letzten Tag der Förderung wurde die Plattform abgeschaltet.

      Abgesehen davon halte ich es nicht für sinnvoll, öffentliche Daten zu privatisieren, nur damit zwanghaft ein Geschäftsmodell für einige wenige da ist. Dann kann das auch gleich ein offener und öffentlicher Service sein.

      > der öffentliche Dienst solle nicht outsourcen

      Das habe ich nicht geschrieben. Aber es sollte zumindest kompetente Menschen inhouse geben, die die outgesourcten Projekte kontrollieren und abnehmen können. Und das fehlt aktuell viel zu häufig. Ist übrigens eine Erkenntnis, die sich auch in Konzernen durchsetzt, nachdem es da etliche sehr teure Bauchlandungen gab.

      > Open Source kann man wollen, muss der Staat aber auch nicht selbst programmieren

      Nein, aber der Staat kann und sollte seine Zulieferer dazu zwingen. Das ist immerhin öffentliches Geld, was da ausgegeben wird. Und das Spannende in Kommunen sind wie oben geschrieben eben nicht die riesigen Plattformen, wie Du sie beschreibst. Sondern all die Fachanwendungen. Eine offene Kindergarten-Software mit offenen Schnittstellen könnte dann auch das erledigen, was aktuell die Vielzahl geschlossener Lösungen nicht kann und Dir dann Dein Daten-Nutzererlebnis stört.

      > Beraterbashing wegen Preisen

      Ich bashe nicht die Berater (wobei deren Output gerade für den Preis oft mehr als mager ist), sondern vielmehr das Verhältnis von Investitionen in Beratung und Investitionen in Umsetzung. Wenn relevante Anteile des Geldes in die Beratung fließen, wird die Umsetzung zwangsweise unterfinanziert und damit schlecht. Und damit ist die Gesamtkonstruktion kaputt.

      > Kurz: wir werden einige Argumente justieren müssen, um Begeisterung auszulösen. Schaffen wir das?

      Begeisterung haben wir mit den genannten Projekten jede Menge ausgelöst. Das ist doch gerade die Ironie dadran: die Projekte stoßen allesamt auf Begeisterung und werden genutzt – einfach so, weil die Projekte Sinn ergeben. Nur gibt Begeisterung keine dauerhafte Betreuung, sonst wären wir nicht in dieser Situation, in der wir uns gerade befinden.

      • > Berater-Bashing
        Deine Einengung auf gute Beratung, dann kein Geld mehr für Entwicklung, ist falsch. Der Staat Texas hat Ende der 1990er mit Beratern eine Geschäftsmodell gefahren, dass Texas Portal zu einer begeisternden Lösung entwickelt gemacht hat. Es war so gut, dass es die Städte Housten, Dallas und so weiter auch das Portal genutzt haben. Ein Problem in Deutschland ist, dass wie die deutchnationale Brille aufhaben und uns scheuen im Ausland Best Practices uns anzusehen. Ich habe das zigmal erlebt, dass das was in UK erfolgreich ist, in D nicht bekannt ist. Vorige Woche erst bei einer Open Data Veranstaltung dr Konrad-Adenauer-Stiftung, wo letzte Woche jemand von einem Verband eine Präsentation mit 40 Gründen, warum Open Data in D nicht geht, obwohl das Selbe in UK seit 7 Jahren erfolgreich gemacht wird. Sabotage in Höchstform.
        > Begeisterung reicht nicht nur im Strohfeuer sondern man muss immer wieder Begeisterung für nachhaltige Lösungen erzeugen. Für Open Data ist das Strohfeuer in D aus. Wir schaffen nicht mal einen Weltmarktführer wie das Open Data Institute in London ,sondern quälen uns seit 7 Jahren erfolglos herum. Die Österreicher waren cleverer und wir haben nichts gebacken bekommen.
        > Open Source
        Der Staat hat Google nicht zwingen müssen, damit Google Kubernetes als Open Source frei gegeben hat. Aber jeute wird es auch im öffentlichen Deinst in Deutschland genutzt. Die unsmarten Machtspielchen führen zu keinen Ergebnissen und die Entwicklung geht an einem vorbei. Viele Unternehmen geben ihre Software als Open Source frei, weil sie dann Chance haben, dass sie von der Community weiterentwickelt wird. Aber in Europa regiert der Hass: Kommissarin Vestanger verhängt gegen Google millionenschwere Bußgelder wegen der Open Source Android wegen ihrem Hass, wegen ihrem Antiamerikanismus und ihrer Dummheit, dass sie die Diskussionen nicht kennt, die wir vor Jahrzehnten schon mit Richard Stallman führen, dem die Geschäftsmodelle z.B, von Suse zu widerwaren. Maximal Sabotage der EU gegen Oen Source.
        > Outsourcing
        Ja, die Stadt Wisbaden hat Fehler gemacht. Auch die Bundeswehr bei Herkules. Aber nach dem Insourcen in die BWI ist die Bundeswehr aus der IT-Konsolidierung des Bundes herausgeflogen, nachdem der Rechnungshof merkte, das sie es nicht gebacken bekommen. In so einem Fall Insourcing als Lösung zu predigen, ist Weltfremdheit. Bahn (Staatsbetrieb) und Lufthansa löse gerade ihr Rechenzentren auf und stellen Progamme und Daten in die Cloud. Da soll der öffentliche Dienst zu blöde zu sein und jede Kommune soll den Server wieder unter den Schreibtisch des BÜrgermeisters setllen wie früher?
        > Orientierung eines Geschäftsmodelles nur am Gewinn ist nicht zielführend.
        PRINCE2 sagt z:b. dass ein Business Case auch tragfähig und nachhaltig sein kann, wenn er neue Gesetze umsetzt. Wie zum Beispiel die 16 Bundesministerien das Open Data Gesetz hätten umsetzen müssen, aber nur 3 es taten zum Stichtag. Selten habe ich gesehen, dass Behörden so offensichtlich Gesetze verletze und darauf pfeiffen.

        Kurz: die Community wird weiterhin keinen nachhaltigen Erfolg haben, wenn sie kommerzielle Ideen verachtet, wenn sie Forderungen hinsichtlich Open Source aufstellt, die unsmart sind und von der kommerziellen Welt längst überholt sind. Wenn man die Seed-Förderung vom Staat nicht in tragfähige Geschäftsmodell übersetzt, wird man nicht dauerhaft siegen wie die Grünen, sondern verblühen wie die Piraten. Und man rennt von Hype zu Hype, ohne das Neue nachhaltig zu verankern,

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