Warum ich nicht zu Demos wie #hh2112 gehe und warum das so bleiben wird

Samstag, der 21.12.2013, kurz nach 21 Uhr. Ich reise von Bochum nach Lübeck und steige zu diesem Zeitpunkt um. Obwohl ich die Ziele inhaltlich unterstütze, bin ich bewusst nicht zu der Demo für den Erhalt des linksalternativen Hamburger Kulturzentrums Rote Flora gegangen, weil ich ein sehr ungutes Gefühl bezüglich einem Teil der Teilnehmer hatte. Und leider hat sich dieses Gefühl bestätigt – einmal mehr.

Zunächst aber scrollte ich durch meine Twitter-Timeline und war erschrocken über das, was sich die Hamburger Polizei geleistet hat. Ich habe ein Jahr in Hamburg gelebt und kenne das Umfeld der Roten Flora ein wenig. Eine unpassendere Polizeistrategie wäre kaum zu finden gewesen. Wie sich im Nachhinein herausstellte, hat die Polizei auch noch sichtlich Gründe vorgeschoben, um das zu provozieren, was sie nachher den Demonstranten vorwarf – eine völlig verdrehte Logik, die vermutlich geplant war. Für einen kurzen Moment ärgerte ich mich, dass ich nicht doch mitdemonstriert hatte, so unmöglich empfand ich das Verhalten der Polizei.

Mit mir fuhren einige Demonstranten mit im Regional-Express nach Lübeck. Eine Gruppe von etwa 8 Personen war nur wenige Sitze weiter. Kurz vor Lübeck habe ich so ein Telefonat mithören dürfen, nachdem ich meine Kinnlade erst einmal vom Boden aufsammeln musste. Eine junge Frau telefonierte mit einigen Freunden, welche noch in Hamburg nahe der Roten Flora waren und nun zum Hauptbahnhof und nach Lübeck wollten. „Dann klatscht noch ein paar Bullen auf dem Weg!“ forderte sie ihre Freunde auf.

„Dann klatscht doch noch ein paar Bullen!“. In ihrer Stimme war kein Anzeichen dafür, dass sie das als Scherz meinte. Auch nicht in ihrer Mimik. Im Gegenteil: das war für sie ein sichtlich vollkommen selbstverständlicher Teil ihrer Lebensrealität. Und nicht nur für sie, auch ihre um sie stehenden Freunde schienen das für absolut normal zu halten.

„Dann klatscht doch noch ein paar Bullen!“. Wie kalt und unmenschlich kann ein Mensch sein, dass er Gewalt gegen andere Menschen scheinbar als erstrebenswerten Sport bzw. als erstrebenswerte Rache empfindet? Die den Demonstranten gegenüberliegende Seite – das sind Menschen, keine roboterartigen Feinde. Menschen, die zu großen Teilen einfach nur ihren Job machen. Menschen mit Familie, Freunden, Kindern. Menschen wie die Demonstranten auch, nur zufällig auf der anderen Seite.

Und natürlich gibt es dabei auch Polizisten, die es übertreiben. Polizisten, die viel zu viel Gewalt anwenden. Polizisten, die scheinbar ein Vergnügen daran haben, Menschen körperlich und psychisch zu quälen. Aber was für eine Doppelmoral ist es, diese Polizisten zu verurteilen, und dann in den eigenen Reihen Menschen zu haben, für die es kaum etwas erstrebenswerteres gibt, als „Bullen zu klatschen“?

Warum werden Menschen, die mit Knallkörpern anreisen, die Pflastersteine als Wurfgeschosse herausreißen, die Straßenschilder als Waffen nutzen, … warum werden solche Menschen von der Demonstrationsleitung geschützt? Warum von den Mitdemonstranten? Will man nicht für eine bessere, eine sozialere, eine fairere Welt demonstrieren? Was ist an einer Welt besser, in der Menschen sichtlich nur zu einer Demo kommen, um „Bullen zu klatschen“?

An diesem Samstag haben sich meiner Meinung nach beide Seiten der Lächerlichkeit preisgegeben (und führen jetzt auch noch einen albernen Krieg über die Deutungshoheit dieses Desasters). Dieser Samstag hat mir persönlich aber auch gezeigt, warum ich bei derartigen Demonstrationen fehl am Platze bin. Ich habe kein Verständnis.

Das ist schade, denn ich würde die Ziele dieser Demonstration sehr gerne unterstützen. Aber durch die erzwungene Solidarität mit Menschen, die „Bullen klatschen“, bin ich eben nicht vor Ort, um meine Stimme für eine gute Sache zu erheben. Und werde auch weiterhin nicht vor Ort sein. Denn für ein Weltbild, in dem man „Bullen klatschen“ geht, stehe ich nicht zur Verfügung.

Eine Antwort zu “Warum ich nicht zu Demos wie #hh2112 gehe und warum das so bleiben wird”

  1. Bei vielen Demos, bei denen gewalttätige Auseinandersetzungen keine Überraschung sind, werden nur noch Rituale abgefeiert, die mit dem eigentlich Ziel der Demonstration nichts zu tun haben. Eine gewissen Szene will Polizisten vermöbeln, eine andere Szene schickt diese Polizisten vor, um die Demos auseinanderzunehmen.
    Auf der einen Seite werden Arbeitnehmer instrumentalisiert, die den Beruf des Polizisten gewählt haben. Das ist schon eine Sauerei an sich. Da gibt es sicherlich Bullen, die gerne den Knüppel schwingen und dafür dringend den Knast von innen sehen sollten. Ich glaube jedoch nicht, das dies die Mehrheit ist..
    Auf der anderen Seite instrumentalisiert eine Minderheit die Mehrheit der Demonstranten. Ein Teil dieser Mehrheit muss sich jedoch auch vorwerfen lassen, das sie sich dies aus falsch verstandener Solidarität gefallen lässt. Die Organisatoren einer Demo sollten den Mut haben die gewaltbereite Szene auszugrenzen.
    Auf der politisch-staatlichen Seite sind die Prügelfans und Gegner des Grundrechts auf öffentliche Meinungsäußerung nur auf politischem Wege zu entsorgen. Gegengewalt hilft da nicht, das schaukelt sich nur hoch und hilft letztendlich den Feinden der Demokratie.

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